Dirk Schumann

Kunsthistoriker und Bauarchäologe
 


 
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Beeskow St. Marien um 1450, IsometrieDie historische Bauforschung ist verglichen mit der Archäologie ein relativ junger Zweig. Dabei haben beide Disziplinen die selben Wurzeln. So war die Bauforschung an antiken Ruinen schon seit der »Geburt« der klassischen Archäologie deren fester Bestandteil. In der europäischen architekturhistorischen Forschung waren es bisher vor allem archäologische Methoden, die auf die Bauwerke oder deren Reste übertragen wurden. Erst in jüngerer Zeit zeigt die Anwendung steingerechter Aufmaße aus der klassischen Archäologie und die Übertragung verformungsgerechter Aufmaße aus der Hausforschung die Möglichkeiten einer intensivierten, architekturhistorischen Forschung. Kombiniert mit verschiedenen naturwissenschaftlichen Datierungsverfahren führten bauhistorische Untersuchungen zur Datierung von Bauten, deren Entstehungszeitpunkt bisher nicht sicher war oder zu anderen Datierungen als den bis dahin angenommenen. Darüber hinaus ergab sich ein detailliertes Wissen über die einzelnen Bauabläufe und Bauveränderungen. Hier liegen schließlich auch enorme Möglichkeiten für die kunsthistorische Architekturforschung. Architekturgestaltung wird in ihrer ganzen Prozeßhaftigkeit erfaßbar, denn das serielle Material Backstein lädt geradezu zu Variationen, Planänderungen und nachträglichen Umbauten ein.
Beeskow St. Marien um 1470, IsometrieSo zeigte die Bauforschung an der Marienkirche in Beeskow, daß während der Bauarbeiten ein vorhandener Bauplan mehrfach abgewandelt wurde. Als man in der Mitte des 15. Jahrhunderts das westliche Langhaus zu bauen begann, wurde zuerst der Turmblock und der Westabschluß der zwei südlichen Seitenschiffe errichtet. (obere Abb.) Zu diesem Zeitpunkt sollten alle Schiffe etwa die selbe Höhe bekommen. Als die Mittelschiffsarkade in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts entstand, hatte man diesen Plan aufgegeben, denn die Arkade wurde um 2 m höher ausgeführt als ursprünglich im Ansatz vorgesehen. Im gleichen Zuge blieb das südlichste Seitenschiff niedriger und es entstand ein basilikaler Aufriß (untere Abb.). Auch das dazugehörige Dach durchlief mehrere nachweisbare Planungen bevor es schließlich seine ausgeführte spätmittelalterliche Dachneigung erhielt, die jedoch im 18. Jahrhundert wieder verändert wurde.

Steinhöfel Bibliothek, QuerschnittEin wichtiger Aspekt, den wir vor allem detaillierten Bauaufnahmen verdanken, ist das Bedürfnis der optimalen Verwertung älterer Bausubstanz. Möglichst große Teile der vorhandenen Mauerbereiche wurden oft in Neubauten miteinbezogen. Das Beispiel der Bibliothek im Schloßpark von Steinhöfel zeigt das ganze Ausmaß der damals üblichen Baupraxis. Der David Gilly zugeschriebene Bau war kein Neubau des späten 18. Jahrhunderts, sondern Keller und Teile des aufgehenden Mauerwerks gehörten zu einem bereits vorhandenen Wirtschaftsgebäude aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Dieses schloß wiederum ältere Kellerreste des 17. Jahrhunderts in seine Bausubstanz ein. Der Querschnitt durch das Gebäude mit in den Boden eingetieften archäologischen Profilen (Abb.) zeigt die Bodenhorizonte der verschiedenen Zeiten, dazu gehört auch das Pflaster des Wirtschaftshofes, zu dem das einstige Wirtschaftsgebäude gehörte bevor es mit Sand angefüllt und zum Tempel verändert wurde, der heute auf einer kleinen Anhöhe zu stehen scheint.

Verstehen, basiert auch in der Bauforschung auf dem Vorgang des Erkennens. Erkennen ist nicht zuletzt das Wiedererkennen von schon Gesehenem und ist somit schließlich die verallgemeinerte Erfahrung aus einer Summe von Beobachtungen. So ließe sich genaues Beobachten an den Anfang von Erfahrung setzen. Erst der verstandene Befund macht dessen Beurteilung möglich. Er ermöglicht ein Urteil, das in der Konsequenz auch über den denkmalpflegerischen Umgang mit dem Befund befinden kann.

Dirk Schumann (Hg.), Bauforschung und Archäologie, Stadt- und Siedlungsentwicklung im Spiegel der Baustrukturen, Berlin 2000
erschienen im Lukas Verlag für Kunst- und Geistesgeschichte

Ein Anliegen dieses Buches ist es, die Verbindung und gegenseitige Inspiration der beiden Disziplinen Archäologie und historische Bauforschung aufzuzeigen. Den einleitenden Reflexionen folgt die Vorstellung der unterschiedlichen praktischen Arbeitsweisen. Der Diskussion von Datierungsmöglichkeiten schließt sich die Vorstellung verschiedener konventioneller und computergestützter Dokumentationsmethoden an. Die versammelten Beiträge zeigen einen repräsentativen Querschnitt der Probleme, Fragestellungen und Arbeitsweisen im Grenzbereich zwischen Bauforschung und Archäologie.
  


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