Die historische Bauforschung ist verglichen mit der Archäologie ein relativ junger Zweig. Dabei haben beide Disziplinen die selben Wurzeln. So war
die Bauforschung an antiken Ruinen schon seit der »Geburt«
der klassischen Archäologie deren fester Bestandteil. In der europäischen
architekturhistorischen Forschung waren es bisher vor allem archäologische
Methoden, die auf die Bauwerke oder deren Reste übertragen wurden.
Erst in jüngerer Zeit zeigt die Anwendung steingerechter Aufmaße
aus der klassischen Archäologie und die Übertragung verformungsgerechter
Aufmaße aus der Hausforschung die Möglichkeiten einer intensivierten,
architekturhistorischen Forschung. Kombiniert mit verschiedenen naturwissenschaftlichen
Datierungsverfahren führten bauhistorische Untersuchungen zur Datierung
von Bauten, deren Entstehungszeitpunkt bisher nicht sicher war oder zu
anderen Datierungen als den bis dahin angenommenen. Darüber hinaus
ergab sich ein detailliertes Wissen über die einzelnen Bauabläufe
und Bauveränderungen. Hier liegen schließlich auch enorme Möglichkeiten
für die kunsthistorische Architekturforschung. Architekturgestaltung
wird in ihrer ganzen Prozeßhaftigkeit erfaßbar, denn das serielle
Material Backstein lädt geradezu zu Variationen, Planänderungen
und nachträglichen Umbauten ein.
So
zeigte die Bauforschung an der Marienkirche in Beeskow, daß während
der Bauarbeiten ein vorhandener Bauplan mehrfach abgewandelt wurde. Als
man in der Mitte des 15. Jahrhunderts das westliche Langhaus zu bauen begann,
wurde zuerst der Turmblock und der Westabschluß der zwei südlichen
Seitenschiffe errichtet. (obere Abb.) Zu diesem Zeitpunkt sollten alle
Schiffe etwa die selbe Höhe bekommen. Als die Mittelschiffsarkade
in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts entstand, hatte man diesen
Plan aufgegeben, denn die Arkade wurde um 2 m höher ausgeführt
als ursprünglich im Ansatz vorgesehen. Im gleichen Zuge blieb das
südlichste Seitenschiff niedriger und es entstand ein basilikaler
Aufriß (untere Abb.). Auch das dazugehörige Dach durchlief mehrere
nachweisbare Planungen bevor es schließlich seine ausgeführte
spätmittelalterliche Dachneigung erhielt, die jedoch im 18. Jahrhundert
wieder verändert wurde.
Ein
wichtiger Aspekt, den wir vor allem detaillierten Bauaufnahmen verdanken,
ist das Bedürfnis der optimalen Verwertung älterer Bausubstanz.
Möglichst große Teile der vorhandenen Mauerbereiche wurden oft
in Neubauten miteinbezogen. Das Beispiel der Bibliothek im Schloßpark
von Steinhöfel zeigt das ganze Ausmaß der damals üblichen
Baupraxis. Der David Gilly zugeschriebene Bau war kein Neubau des späten
18. Jahrhunderts, sondern Keller und Teile des aufgehenden Mauerwerks gehörten
zu einem bereits vorhandenen Wirtschaftsgebäude aus der Mitte des
18. Jahrhunderts. Dieses schloß wiederum ältere Kellerreste
des 17. Jahrhunderts in seine Bausubstanz ein. Der Querschnitt durch das
Gebäude mit in den Boden eingetieften archäologischen Profilen
(Abb.) zeigt die Bodenhorizonte der verschiedenen Zeiten, dazu gehört
auch das Pflaster des Wirtschaftshofes, zu dem das einstige Wirtschaftsgebäude
gehörte bevor es mit Sand angefüllt und zum Tempel verändert
wurde, der heute auf einer kleinen Anhöhe zu stehen scheint.
Verstehen, basiert auch in der Bauforschung
auf dem Vorgang des Erkennens. Erkennen ist nicht zuletzt das Wiedererkennen
von schon Gesehenem und ist somit schließlich die verallgemeinerte
Erfahrung aus einer Summe von Beobachtungen. So ließe sich genaues
Beobachten an den Anfang von Erfahrung setzen. Erst der verstandene Befund
macht dessen Beurteilung möglich. Er ermöglicht ein Urteil, das
in der Konsequenz auch über den denkmalpflegerischen Umgang mit dem
Befund befinden kann.
Dirk Schumann (Hg.), Bauforschung
und Archäologie, Stadt- und Siedlungsentwicklung im Spiegel der Baustrukturen,
Berlin 2000
erschienen im Lukas Verlag für
Kunst- und Geistesgeschichte
Ein Anliegen dieses Buches ist es,
die Verbindung und gegenseitige Inspiration der beiden Disziplinen Archäologie
und historische Bauforschung aufzuzeigen. Den einleitenden Reflexionen
folgt die Vorstellung der unterschiedlichen praktischen Arbeitsweisen.
Der Diskussion von Datierungsmöglichkeiten schließt sich die
Vorstellung verschiedener konventioneller und computergestützter Dokumentationsmethoden
an. Die versammelten Beiträge zeigen einen repräsentativen Querschnitt
der Probleme, Fragestellungen und Arbeitsweisen im Grenzbereich zwischen
Bauforschung und Archäologie.
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